Buchbeschreibungen

Auszug aus der Rezension von Hans Grillenberger vom 24.04.2010:
(stellv. Vorsitzender GEW Ansbach und Redakteur beim Magazin AUSWEGE – Perspektiven für den Erziehungsalltag)
 
„… Füller hat das ganze Spektrum von Privatschulen besucht und daraus Vorort-Werkstattberichte verfasst. Diese konkreten Beschreibungen des Alltags wechseln im Buch mit Abschnitten, in denen kritisch die pädagogischen Konzepte, die Finanzierungsmodelle und die gesellschaftliche Verantwortung von Privatschulen untersucht werden. Am Ende bin ich als Leser so nicht nur meine bisherigen Vorurteile losgeworden, sondern habe eine Menge an Ideen für eine gute Schule mitgenommen.

Erste Klarstellung im Buch ist die Begriffswahl. „Privatschulen“ sind in ihrer Mehrheit eigentlich nicht privat, sondern öffentlich. Die allermeisten sind Schulen in freier Trägerschaft. Dazu gehören die Konfessionellen (z.B. Evangelische Schule Berlin Zentrum), die Reformpädagogischen (z. B. die Odenwaldschule), die Walddörfler und die freien demokratischen Schulen, sozusagen die Graswurzler, zu denen Füller die von Oskar Negt gegründete Glockseeschule in Hannover zählt. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Privatschulen ist tatsächlich privat. Aber gerade diese Schulen bestimmen zu häufig die Medienberichte und bedienen die eingangs zitierten Vorurteile. Füller beschreibt solche Beispiele wie die Phorms-Schule oder die Metropolitan School Frankfurt dann auch unter der Kapitelüberschrift „Die Profitmacher“. Zweite Klarstellung: Die allermeisten Privatschulen sind arm und stecken in ständigen Finanzierungsschwierigkeiten. Dritte Klarstellung – und die für das Anliegen des Buches wichtigste: Privatschulen sind tatsächlich
Reformwerkstätten und können Impulsgeber für eine notwendige Schulreform sein; insbesondere, wo es um individuelles Lernen geht.

Dass dies freilich kaum oder überhaupt nicht stattfindet, sieht Füller im versteinerten staatlichen
Schulsystem Deutschlands begründet. Detailliert beschreibt er an Bespielen die „perfiden Schulpolitik
des Staates“, der private Schulinitiativen oft abblockt.

Ein möglicher Ausweg aus der verfahrenen Beziehung zwischen staatlicher Schulaufsicht und Privatschulen
wird in einem eigenen Kapitel aufgezeigt: Gründung von kommunalen Schulen. Füller zitiert Frank Schenker, Bürgermeister für Familie und Soziales in Jena, der am Beispiel der städtischen Jenaplan-Schule die Chancen einer Kommunalisierung des Schulsystems sieht: „ Wir als Kommune haben ein echtes Interesse daran, dass unsere Schulen gut sind. Wir wollen mit den Schulen Bedingungen für Unterrichts-und Schulentwicklung verabreden. Das ist in kommunaler Hand viel einfacher. Weil wir viel näher dran sind.“ das könne allerdings nur funktionieren, wenn der Staat den Privatschulen endlich die gleiche finanzielle Förderung wie den Staatsschulen zuteil werden lässt.

Tipps für Eltern, die eine Privatschule für ihr Kind suchen und eine ausführliche Adressenliste von
Schulträgern, Verbänden und Vereinigungen runden das Buch ab. …“
(aus: http://www.magazin-auswege.de/data/2010/04/Rezension_Fueller_Ausweg_Privatschulen.pdf, 26.06.2013)

Christian Füller ist Journalist (taz, Spiegel Online, u.a.) und Autor. Er gilt als einer der kompetentesten Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten des Landes und wurde mit zahlreichen Forschungs- und Reisestipendien ausgezeichnet, u.a. vom DAAD, von der Volkswagenstiftung, der Fulbright-Kommission und dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Er bloggt unter www.pisa-versteher.de. Christian lebt mit seiner Familie in Berlin.

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Von Montessori bis Neill: Wo bin ich da gelandet?
FREIE SCHULEN Wie sehr verstrahlt die Reformpädagogik
die demokratischen Graswurzelschulen? Fragen eines lesenden Lehrers
VON MATTHIAS HOFMANN

Zum Thema Reformpädagogik wurde viel geschrieben, und es stellt sich die Frage: Wen interessiert die Frage, ob Alternativschulen zur Reformpädagogik gehören? Es verhält sich wie beim Bäcker: Es kann auch dann etwas appetitlich aussehen, wenn man nichts über die Herkunft der Zutaten weiß. Wenn man sich aber mit der Herkunft und den Inhaltsstoffen von Lebensmitteln beschäftigt, mag man nicht mehr alles essen. Mit den reformpädagogischen ,Zutaten‘ ist es ähnlich. Jegliche Pädagogik, die sich nicht kritisch mit ihren Wurzeln auseinander setzt, droht falschen Götzen aufzusitzen oder ihre eigenen Stärken nicht voll zu entfalten.

Wie die meisten meiner KollegInnen bin ich relativ zufällig zu meiner ersten Stelle als Lehrer in einer Freien Alternativschule gekommen. Der Wunsch nach beruflicher Veränderung, eine Stellenanzeige, ein paar gute Ratschläge und etwas Mut genügten. Als Pädagoge ohne zweites Staatsexamen kommt man ja sonst nicht so einfach in die Bastion Schule hinein – eigentlich.

Ich begleitete SchülerInnen, setzte Impulse und „unterrichtete“. Das war gar nicht so schwer, als ich zuerst dachte, denn in der Regel wissen Kinder sehr gut, was sie wollen, wenn sie ernst genommen werden.

Pauschale Verdammung
Zur Praxis fanden sich Theorien und zu den Theorien populäre Namen. Die pauschale Verdammung der „Staatsschule“ bot eine Orientierungshilfe an. In kurzer Zeit befand ich mich in einem sozialen Umfeld, das aus den verschiedensten Gründen zustimmte. Und ich selbst ja auch: das vermeintlich gute Gefühl, alles besser zu machen. Schnell vermengen sich negative eigene Schulerfahrungen (Wer sucht, der findet!), eine herrschaftskritische Weltsicht mit einer ordentlichen Portion Moral.

Nach und nach fiel mir auf, dass wir bei Teamsitzungen oder an Elternabenden immer wieder von den Grundlagen der Alternativschulen sprachen, ohne dass ein Einvernehmen über die tatsächlichen Wurzeln bestand. Montessori, Freinet, Hüther und Neill in einem Atemzug zu nennen, erzeugt viel wohlige Stimmung, aber selten kritische Fragen. Ein Streben nach Harmonie unter den AkteurInnen der Alternativschulen begünstigt das Einschmelzen von Widersprüchen. Und wer möchte sich schon neben einem 40 bis 50 Stunden Job und der eigenen Familie mit den KlassikerInnen der „Reformpädagogik“ beschäftigen? Wozu sich um eigene Begründungen für die Arbeit mit Kindern bemühen, wenn die gesammelten Werke der Reformpädagogik scheinbar voller Belege dafür sind, dass ab sofort „das Jahrhundert des Kindes“ herrscht, wie es Ellen Key einst schrieb? Wer sich dem Tenor der reformpädagogischen Literatur anschließt, kann sich sicher sein, dass er für „die bessere Schule“ und die „bessere Pädagogik“ steht. Eine trügerische Sicherheit.

In meiner ersten Zeit als Alternativschullehrer bediente ich mich willkürlich und phantasiereich in der reformpädagogischen Literatur. Für jedes Tun gab es einen namhaften Beistand. Dennison für unaufgeräumte Zimmer, Montessori für die Anschaffung teurer Rechenbretter, Freinet für das Drucken von Weihnachtskarten und Neill für das Schuleschwänzen. Auch bei Informationsnachmittagen erhöht es die Überzeugungskraft, wenn man sich auf namhafte PädagogInnen bezieht, die zwar jeder kennt – von denen aber kaum jemand etwas wirklich im Original gelesen hat.

Dabei finden sich bei vollständiger Lektüre merkwürdige bis inakzeptable Stellen. Bekannt war mir lediglich, dass die Waldorfpädagogik von einem esoterisch-rassistischen Guru mit autoritären Vorstellungen von Erziehung stammt, sich selbst aber in ein kreativ-freiheitliches Mäntelchen hüllt. Dass sich in der reformpädagogischen Landschaft neben wahrhaft dem Wohl der Kinder verschriebenen PädagogInnen darüber hinaus auch RassistInnen, EugenikerInnen, AntisemitInnen, Gurus, Päderasten und andere Verbrecher tummeln, davon hatte ich nichts geahnt. Auch während meines Studiums der Erziehungswissenschaften wurde dieser Bereich irgendwie ausgespart. Oder auch nicht: die Originaltexte der namhaften ProtagonistInnen der Reformpädagogik standen in der Bibliothek. Aber wir haben sie oft zu wenig beachtet, nicht gründlich gelesen und unkritisch der Sekundärliteratur vertraut.

Ich begann Originaltexte von Tolstoi und Ferrer zu lesen, um gute Gründe zu finden, wie Alternativschulen theoretisch zu untermauern seien. Auf diesem Weg begegneten mir zwei Überraschungen. Zum einen haben die allerwenigsten TheoretikerInnen aus dem reformpädagogischen Spektrum eine gelungene Praxis zu ihren Ideen vorzuweisen (wobei gerade Tolstoi und Ferrer dies gelungen ist).

Unwertes Leben
Zum anderen begegnete ich manchmal seltsamen Konzepten, die mir fremd waren – und sind: „Inneren Bauplänen“ (Maria Montessori), in denen unsere Entwicklungsmöglichkeiten individuell festgelegt seien, „unwertem Leben“ (Ellen Key), das durch Töten früh beendet werden solle, „Wurzelrassen“ (Rudolf Steiner) nach denen „Schwarze“ grundsätzlich einen starken Sexualtrieb hätten und „Pädagogischem Eros“ (Gustav Wyneken u.a.), der von Päderasten als Legitimation für sexuelle Gewalt gegen Kinder genutzt wird. Wo war ich da gelandet? Sicher, jeder dieser Ansätze hat seine eigenen Facetten. Ist der eine offensichtlich menschenfeindlich, so offenbart sich ein anderer erst bei der näheren Lektüre. War Montessori für den Mussolini-Faschismus temporär anschlussfähig, so ist es der „Pädagogische Eros“ für Päderasten grundsätzlich.

Zweierlei haben all diese verschiedenen Ansätze gemeinsam: Sie beruhen auf erdachten Annahmen und sie geben nur vor, „vom Kind aus zu denken“. Das Leitmotiv der reformerischen Bewegung wurde zum Legitimationsslogan für umtriebige Personen der verschiedensten Weltanschauungen und mit den unterschiedlichsten Neigungen. Mit diesen Erkenntnissen begann der theoretische Boden unter mir zu wackeln. Unter welcher Fahne segelt man da? Kann man überhaupt ,vom Kind aus denken‘? Ich stand vor der Frage, ob ich mich ganz gegen „die Reformpädagogik“ stellen sollte um das „freiheitliche, kindgerechte Image“ zu bekämpfen, das sie zu Unrecht umgehängt bekommt. Oder ob ich anfangen sollte, für mich ein differenziertes Bild zu erarbeiten und ganz subjektiv „Spreu und Weizen“ zu trennen. Ich entschied mich für letztere Option, denn man kann ja nicht den selbsternannten ProphetInnen einer vermeintlichen „Reformpädagogik“ das Feld überlassen. Das wäre ja, als ob man vor der Lebensmittelindustrie kapitulieren würde, statt nach Alternativen zu suchen.

Diffuse Grundlagen
Zeitgleich konnte ich jeden Tag die Erfahrung machen, dass Alternativschule gelingt, dass die Hinwendung zu den Kindern und eine „Schule machen auf Augenhöhe“ sehr wohl möglich sind. Dieser oft beeindruckende Schulalltag auf der einen Seite und die teilweise diffuse reformpädagogische Grundlage auf der anderen Seite, stellen einen Widerspruch dar, den man jeden Tag neu lösen muss. Die vermeintlichen theoretischen Grundlagen müssen studiert, durchforstet und neu bewertet werden. Wie ein Flickenteppich stellt sich die reformpädagogische Landschaft dar. Manches ist hässlich, einiges inspirierend und anderes zukunftsweisend. Einen Überblick kann man gewinnen, wenn man sich konsequent immer nur einen Bereich, ein konkretes Schulprojekt anschaut. Und am besten gelingt dies, wenn man nicht nach Zuspruch für eine wie auch immer geartete reformpädagogische Praxis sucht. Auf diesem Weg begegnen einem immer wieder überzeugende Projekte wie die Versuchsschulen in Hamburg (zur Zeit der Weimarer Republik) oder Ideen von Janusz Korczak.

Ich glaube nach wie vor, dass Alternativschulen eine unverzichtbare und mitunter provokante Bereicherung der Schullandschaft sind. Aber aus anderen Gründen, als vor der Lektüre der mehr oder weniger namhaften KlassikerInnen. Sie sind nicht progressiv, weil sie reformpädagogische Schulen sind. Sie sind nicht fortschrittlich, weil Namen wie Montessori oder Petersen in den Konzepten auftauchen. Sie sind nicht gut, weil andere Schulformen schlecht seien.

Alternativschulen haben relativ bewegliche Konzeptionen und entwickeln sich ständig weiter. Sie stellen sich den Widersprüchen zwischen Anspruch und den Realitäten. Sie trauen den Kindern tatsächliche Mitbestimmung zu und beweisen, dass Lernen ohne Druck und Auslese gelingt. Alternativschulen haben sich ihren kritischen Geist bewahrt und können gut oder sogar besser damit umgehen, wenn auch die VordenkerInnen alternativer Schulformen ihre eigenen Widersprüchlichkeiten mit sich bringen. Diese Schulen sind keine Glaubensgemeinschaften sondern Orte des lebhaften Hinterfragens. Dafür verdienen sie Beachtung.

…ob ich mich gegen die Reformpädagogik stellen sollte, um das Image zu bekämpfen, das sie zu Unrecht hat?

(in: http://www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=bi&dig=2013%2F02%2F13%2Fa0140&cHash=aa7a9c5102eb566a5b30e0d16956a0e9, 26.06.2013)

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